Positionen #121 – Wege der Heilung

Editorial

Wege der Heilung … mit Musik? Es existiert der Begriff einer Musica Sanae, einer heilenden Musik. Sie klingt wie ein Versprechen, ein Entwurf einer Musik, die noch geschrieben werden muss. Oder ist sie doch schon da? In dieser Ausgabe versammeln wir zahlreiche Essays, Reportagen und Interviews, die sich mit dem Verhältnis von Musik und Medizin beschäftigen.
Entstanden sind die Texte im Zuge eines Call for Papers, den wir im Sommer zusammen mit dem polnischen Musikmagazin Glissando, namentlich den Redakteuren Antoni Michnik und Jan Topolski, sowie Musica Sanae unter der Leitung von Michał Libera, herausgegeben haben. So wurden nun einige Artikel im Austausch in die jeweilige Sprache übersetzt. Präsentiert werden beide Hefte auf dem Musica Sanae-Festival vom 15.–16. November im Museum Kesselhaus in Berlin.
Was ausführlich in James Kennaways Artikel beschrieben wird, dass medizinisches Denken in der Musikgeschichte auch relevant »zu einer Zeit [war], da die Ideologie der absoluten Musik von allen Seiten (aus Perspektiven von Rasse, Geschlecht, Klasse usw.) kritisiert wird«, wird auch offenbar, wenn man Tim Tetzners spannende Erzählung über Hypnoseschallplatten und der sich entwickelnden Selbsthilfe-Kultur liest. Die historische Analyse von Marta Michalska zur Musik in Kurorten im 19. Jahrhundert lässt sich gut parallel lesen mit Karin Weissenbrunners Artikel zu Aspekten von Musiktherapie und Klangheilung in zeitgenössischer Musik und Klangkunst. Mit Dariusz Brzosteks Übersicht von Musik in Science-Fiction-Romanen und deren utopischen Spekulationen lässt sich ein weiterer Link in zukünftige Gegenwarten schließen – bis hin zu Carl Michael von Hausswolffs Ideen über Musik und Viren, die im Interview mit Michał Libera diskutiert werden. Julia Vorkefeld eröffnet eine Debatte zum Ableismus im hochkulturellen Musikbetrieb. Patrick Becker-Naydenov formuliert es in seinem Essay zu Musik und Fieber treffend antithetisch: »Man müsste eine Geschichte der Musik und Medizin im Zeitalter der Gesundheit schreiben – und sie würde eine Geschichte der musikalischen Moderne sein.«
Ergänzend zum Heftthema Musik und Medizin, oder auch Musik und Substanz, finden sich im diesmaligen Positionen-Spezial sieben experimentelle Versuchsanordnungen: Neue Musik neu gehört! Sieben Autor*innen hören unter Einfluss verschiedener körpereigener und -fremder Substanzen Musik und schreiben darüber. Eingeleitet wird dieses Schreiblabor mit einem Essay von Julian Kämper, der das Verhältnis von Sport und Musik, den intrinsischen Leistungspostulaten und dem jeweiligen Umgang mit Dopingsubstanzen thematisiert: Ein jeder steht immer unter irgendwelchen Einflüssen. Und wie immer finalisieren eine Vielzahl an »Positionen« das Heft.
Außerdem freuen wir uns, mitteilen zu können, dass die Positionen seit Oktober Mitglied bei Eurozine sind – dem seit 1998 bestehenden europäischen Netzwerk von über 90 Kulturzeitschriften. Es lohnt sich ein Blick auf deren Website www.eurozine.com, wo auch von uns in Zukunft eine Vielzahl wichtiger, ins Englische übersetzte Artikel publiziert werden. Wir begrüßen außerdem Philipp Bergmann im Team der Positionen. Er wird ab sofort Marketing und Anzeigeakquise betreiben.
Und last but not least: Mit diesem nun vierten Heft unter der neuen Redaktion beschließen wir das Jahr 2019 und können rein faktisch sagen, dass das Magazin ankommt und wahrgenommen wird. Daher blicken wir zusammen mit unserem Team, der Grafikerin Swami Silva, der Creative Crowd, den internationalen Korrespondent*innen und dem wachsenden Autor*innenstamm voller Freude und Enthusiasmus ins neue Jahr.

Wir wünschen also viel Spaß und Anregung bei der Lektüre und Sichtung des Hefts 121!
Bastian Zimmermann & Andreas Engström

Die Übersetzungen der Hauptartikel in diesem Heft wurden finanziert über Musica Sanae, der Kulturstiftung des Bundes sowie dem Goethe Institut Warschau und Neapel.

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