Aktuelle Ausgabe:
Positionen #123 – Uneindeutigkeiten aushalten

Editorial

Zunächst planten wir eine Themenausgabe mit den vielleicht etwas naiven Schlagworten »Rechte Neue Musik« und »Konservatismen in der Neuen Musik-Szene«. Auf der Suche nach einem passenden Zugang zu dem evidenten Thema formulierte Svenja Reiner es wie folgt: »Hat konservatives bis rechtsgesinntes Denken nicht gemein, dass es Uneindeutigkeiten nicht aushalten kann?« Wir dachten spontan an all die Musikphilosophen, die verzweifelt versuchen, alles unbedingt auf den Begriff bringen zu wollen – die Arbeitshypothese war also gefunden!
Es war klar, dass wir nicht einfach benennen wollen, wie sich etwa rechtes Denken in der Neuen-Musik-Szene zeigt. Eher ging es bei der Suche darum, mittels der Arbeitshypothese die Fantasie anregen zu lassen und darüber neue Gebiete, Tendenzen usw. zu erspüren. Man kann sich auch das Gegenteil fragen: Was wäre eine »Linke Musik«? Was bedeutet Ambivalenz in der Kunst? Was wäre das andere, das Nicht-Vermeiden der Uneindeutigkeiten? Tobi Müllers Essay zur Ambivalenz in der Stimme nimmt direkten Bezug zu diesen Fragen und diskutiert das »Säuseln« als eine Form antifaschistischer Kunst.
Wir starteten aber auch einen ab Seite 68 abgedruckten Call for Works, der Künstler*innen und Komponist*innen aufforderte, Werke einzureichen, die die Uneindeutigkeit eineindeutig feiern. Wir freuen uns auf kommenden Response und Realisation!
Dann kam die Corona-Krise.
Die Situation änderte sich plötzlich für alle, neue Themen entstanden, und so kreierten wir ein Corona-Special, in dem unsere Autor*innen nun all die Themen aufgreifen, die sich in der Auseinandersetzung mit unseren Haupttexten ergaben: Isolation, Kunstschaffen außerhalb des kapitalistischen Paradigmas, Abbau von Hierarchien und Entwürfe von Zukunft und Gemeinschaften. Und es fand sich eine diverse Runde zusammen: Von Carlos Gutiérrez Quirogas Corona-Tagebuch vom Schloss Rheinsberg, über die Frage nach der Bedeutung von Online-Konzerten und Playlisten von Lara Scherrieble, Christian Grünys politische Einschätzung der Situation bis hin zu Julian Kämpers Analyse und Parallelführung jüngst realisierter Werke mit der uns jetzt umgebenden Ästhetik und Ethik von Live-Übertragungen.
Aber auch die Haupttexte erfuhren durch die neue Situation durch Corona eine Wende. Sandeep Bhagwati sucht nun nicht mehr eine Antwort auf sein Statement »Es ist furchtbar schwierig, links zu komponieren«, sondern fragt nach der Möglichkeit von Gemeinschaft in und durch die Musik. Bhagwatis Übersetzung des 1974 erstmals veröffentlichten Vortrags »Stockhausen serves imperialism« von Cornelius Cardew bietet dem Thema eine spannende, historische Ergänzung. Dem Diktum von Gemeinschaft und Kollektiv folgen auch die beiden Essays von Dahlia Borsche und Bastian Zimmermann. Katja Heldt fragt nach interessanten Formen radikalen Kuratierens und Tomke Braun stellt die Arbeiten Nile Koettings vor, die maßgeblich von der Wartesituation im Ausnahmezustand geprägt sind. Dank geht in dem Zuge an den Fotografen Marius Land für die Bereitstellung unseres Coverfotos.
Wir stehen mit der jetzigen Krise an einem Scheidepunkt, in der sich die Gesellschaften in viele Richtungen entwickeln können – eine der Gefahren ist die von sich national abschottender, rechter Politik. »Uneindeutigkeiten aushalten« wird also noch einmal vielmehr zu einem Credo, an dem sich ein jede*r abarbeiten sollte.
Wir wünschen also viel Spaß und Anregung bei der Lektüre und Sichtung des Hefts 123!
Bastian Zimmermann & Andreas Engström

Nachtrag: Einige Übersetzungen in Ausgabe 122 wurden vom Eurozine-Übersetzungspool unterstützt, der vom Creative Europe-Programm der Europäischen Union mitfinanziert wird.

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