Ernstes Hören II

I ERNSTES HÖREN II

René Alejandro Huari Mateus   All-You-Can-Hear – Ungehorsames Hören in Sirens of the O

Marat Ingeldeev   Die britische Schule des Emotionalismus und Metamodernismus

Johanna Pohlmann   Es existiert vieles gleichzeitig – Die Komponistin Dariya Maminova

Joanna Kwapień   Kriegsnachhall. Klanggeschichten aus Kyjiw

Antoni Michnik   Kartografien des Widerstands, Erforschungen der Identität – Ein Überblick über die zeitgenössische ukrainische Klangkunst

Moonsun Shin   Festivalkritik als Selbstdiagnose – Zur Kritikpraxis zeitgenössischer Musikfestivals am Beispiel der MaerzMusik 2025

II SPECIAL

Rosa Klee   Denktagebuch Portbou Teil 2

III POSITIONEN

Elischa Kaminer; Kaj Duncan David; Donaueschinger Musiktage; Salomé Voegelin; Wien Modern; Zukunftsmusik beyond the white/male frame; Biennale Son, Wallis; Opera Aperta, Kyjiw; Guðmundur Steinn Gunnarsson; Voices Berlin; Klaus Lang & ĀRT HOUSE 17; BAM!, Berlin-Neukölln; Hannes Seidl & MAM; Thanasis Deligiannis; Maxim Shalygin; Nathan Sherman & Alex Petcu; Alexis R. Millares-Thomson; Musica, Strasbourg; Jack Callahan & Jeff Witscher; Stefan Goldmann & Ensemble 180°; Contemporary Concerts, Tübingen; Nicolas Collins; Sintonia, Berlin; Seth Josel & Michelle Lou; Yevhen Stankovych; Gaudeamus, Utrecht

EDITORIAL

Hören ist nie neutral. Es ist immer an Körper gebunden, an Situationen, an Machtverhältnisse und Erinnerungen. Es entscheidet sich im Moment des Hörens, wer aufmerksam sein darf, wer gehört wird – und wer überhört bleibt. Die Texte in diesem Heft nähern sich dem Hören deshalb nicht als abstrakter ästhetischer Kategorie, sondern als Praxis: als etwas, das sich im Alltag ebenso ereignet wie in der Kunst, im Konzertsaal wie im öffentlichen Raum, im Frieden wie im Krieg. Ein Ausgangspunkt dieses Heftes ist die Irritation. René Alejandro Huari Mateus beschreibt eine performative Situation, in der Operngesang und Chipskauen denselben Raum teilen – und damit die gewohnte Ordnung des Zuhörens ins Wanken gerät. Plötzlich wird das eigene Geräusch hörbar, der eigene Körper Teil des Geschehens. Hören wird zur aktiven, mitverantwortlichen Handlung – unbequem, aber produktiv.

Mehrere Beiträge kreisen um ästhetische Haltungen, die sich nicht mehr mit ironischer Distanz begnügen. Ingeldeev zeichnet musikalische Sensibilitäten nach, die zwischen Pop und Neuer Musik, Ernst und Ironie, Nähe und Reflexion oszillieren. Im Gespräch mit Johanna Pohlmann spricht die Komponistin Dariya Maminova über ein Arbeiten, das sich bewusst nicht festlegen lässt und gerade aus der Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Einflüsse Energie gewinnt.

Eine radikale Zuspitzung erfährt das Thema des Hörens dort, wo Klang zur Frage des Überlebens wird. Hier freuen wir uns wieder, zusammen mit Glissando aus Polen und Seismograf aus Dänemark, im Rahmen der Ukrainian Corridors veröffentlichen zu können: Joanna Kwapień berichtet aus Kyjiw von einer akustischen Realität, in der Sirenen, Züge, Explosionen und Erinnerungsgeräusche den Alltag prägen. Antoni Michnik erweitert diesen Blick auf die zeitgenössische ukrainische Klangkunst und zeigt, wie Klang hier zu Archiv, Zeugnis und Widerstand wird.

Auch der Blick auf die Institutionen der Neuen Musik bleibt nicht ausgespart. Moonsun Shin liest aktuelle Festivalkritiken als Selbstdiagnosen und macht sichtbar, wie sehr Kritik ihr Objekt erst durch Auswahl und Perspektive hervorbringt.

Das Special dieses Heftes öffnet schließlich eine andere, bewusst offene Form. In ihrem im Novemberheft gestarteten akustisch-poetischen Denktagebuch verbindet Rosa Klee in diesem Teil 2 ihr Reisen und Hören mit politischer Geschichte und persönlicher Erfahrung.

Bereits das Positionenheft #133 fragte nach Formen eines ›Ernsten Hörens‹. Dieses Heft knüpft daran an – und verschiebt den Fokus: vom verantwortungsvollen, konzentrierten Zuhören hin zu einem Hören, das sich einmischt, mitgeht, reagiert und darin auch Verantwortung übernimmt. Es lädt dazu ein, das eigene Hören ernst zu nehmen – als situierte, körperliche und politische Praxis. Vielleicht bedeutet das auch, sich Zeit zu lassen. Oder erst einmal kurz aufzustehen, etwas zu essen zu holen – und dann anders weiterzuhören.

Ich wünsche viel Spaß und Anregung beim Lesen dieses Hefts #146!

Bastian Zimmermann