Positionen Nr. 119 – #unlearning

Editorial

Das zweite Heft – nun ja, man könnte sagen, es ist wohl ein typisches zweites Heft – kommt recht eklektisch daher. Und doch haben wir beschlossen, ihm ein Thema oder vielmehr einen Hashtag zu verleihen: #unlearning. Was gilt es nicht alles zu verlernen im Bereich neu komponierter Musik! Soooviel lernt die oder der Einzelne bis er die Szene neuer Musik – wir sagen einfach mal – betreten darf! Die In- und Exklusionskriterien des Diskurses sind stark, sei es an Hochschulen oder Unis, in Förderjurys, beim Radio oder in Zeitschriften wie unsere: Die Distinktion ist immer am Werk, auch wenn man eine Ausgabe mit #unlearning vorbereitet. 
Aber gut, zumindest konnten wir den Bildenden Künstler und Musiker Raphael Sbrzesny dazu bringen, gewagte Thesen aufzustellen und die Figur des Interpreten einmal auf den Kopf oder neue zwei Füße zu stellen. Thomas Groetz hat einen Essay zur Popaffirmation in neu komponierter Musik verfasst und kratzt an dieser Stelle an einem Szene-NoGo. Dank soll an dieser Stelle auch Genoël von Lilienstern für seine Hörempfehlungen ausgesprochen werden: Es scheint so, dass dies der Beginn einer schönen, neuen Rubrik ist. Rupert Enticknap folgt in seinem Essay einer seiner Leidenschaften, der Mode, und fragt: Lässt sich die zeitgenössische Musikpraxis auch anhand von zeitgenössischen Modepraxen befragen? Das Interview mit Gary Schultz vom Label Care Of Editions ist ein Beispiel, wie man etablierten, Produktions- und Distributionsstrukturen einfach etwas entgegen setzen kann. Sind solche Unternehmungen eine Avantgarde heute? Eine ausführliche Diskussion dieses Begriffs findet sich den drei Vorträgen von Patrick Frank, Juliana Hodkinson und Rolf Großmann. 
Die Fotostrecke der Regisseurin und Bildenden Künstlerin Aliénor Dauchez entstand im Zuge ihres Musiktheaters L’Ailleurs de l’autre, in dem sie mit der Modemacherin Miriam Marto und den Performerinnen des Gesangsensembles Les Cris de Paris Repräsentationen von inszenierter Weiblichkeit kritisch spiegelt. Es empfiehlt sich immer mal zwischen den Fotos von Sbrzesnys Männlichkeitsbefragungen und jenen von Dauchez hin und her zu blättern. 
Das zweite Heft zu produzieren bedeutet auch – nach einem longrun zum ersten – langsam Luft zu schnappen und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln, was jetzt ganz konkret und praktisch heißt: Wir suchen stetig internationale Autor*innen, die mit verschiedensten Ideen auf uns zukommen können und ein kritisches Interesse am Diskurs haben. Schreibt uns! Wir wollen unseren Radius in alle Welt erstrecken. Also bringt die Welt gerne zu uns! 
Wir wünschen viel Spaß und Anregung bei der Lektüre und Sichtung des Hefts 119! 
Schreibt uns auf redaktion@positionen.berlin Außerdem folgt uns auf Facebook unter @positionen.zeitschrift, auf Twitter unter @PositionenMusik und auf Instagram unter @PositionenMusik

Andreas Engström & Bastian Zimmermann

Inhaltsübersicht