Positionen Nr. 120 – Thema: Wer ist Klangkunst?

Editorial

Es gibt eine Frage, die seit den 90er Jahren wahrscheinlich alle zwei Wochen und auf fast jedem Festival oder Symposium zur Klangkunst gestellt wird und die wir diesem Heft deshalb paraphrasiert voranstellen wollen: Wer ist Klangkunst? Themen, Konzepte und auch die Terminologien sind immer abhängig von kulturpolitischen Entscheidungen. Kulturjournalistische Diskurse entwickeln sich entlang einiger Schlüsselpersonen. Daher ist es wichtig, danach zu fragen: Wer hat diesen Interpretationsvortritt inne? Wer darf oder muss sich Klangkünstler*in nennen und wer will mit dem Begriff eigentlich nicht in Berührung kommen? Welche Szenen gehören dazu?
Barbara Barthelmes schrieb 1986 einen Text über Werke, die später als Klangkunst deklariert wurden. Auch sie hat damals den Begriff noch nicht verwendet. Für uns hat sie daher einen Blick auf den 33 Jahre alten Text geworfen, schaut, was sich zwischendrin getan hat und erarbeitet so eine Diagnose für das Heute. Katja Heldt hat hingegen die Frage nach dem »Wer« hinsichtlich der künstlerischen Produktion ernst genommen und das Institut für Akustisch Dynamische Forschung an der Akademie für Bildende Kunst Nürnberg besucht. Mit dem »Wer« können aber auch die Materialien, Gegenstände, Menschen als Skulptur oder Installation gemeint sein, die heute für eine Klangkunst relevant sein könnten. Karin Weissenbrunner nimmt sich daher in ihrem Text dem Medium Schallplatte an, Tim Tetzner der Orgel und Julian Kämper interviewte die Künstlerin Martine-Nicole Rojina zu ihrer künstlerischen Arbeit mit dem Mond. Tim Rutherford-Johnson analysiert hingegen die Fluss-Werke Annea Lockwoods, die als Pionierin der Klangkunst gelten kann und trotz allem in ihren Werken eher »klassische« Gattungs- und Gestaltungsformen verfolgt. Jan Topolski stellt in seinem Text die neuen Tendenzen der polnischen Klangkunstszene vor.
Das Coverfoto, das dankenswerter Weise von dem Fotografen Mauricio Guillén zur Verfügung gestellt wurde, referiert auf ein Mitte Mai in Berlin stattgefundenes Happening, das die Frage nach dem »Wer« politisch und ästhetisch auf die Spitze getrieben hat. Der unsere »Positionen« einleitende Kommentar von Gineke Pranger arbeitet das Projekt Gay Guerrilla Girls von Maya Shenfeld auf und findet klare Worte. In der vorliegenden Ausgabe findet sich zum ersten Mal auch ein Positionen-Spezial in der Mitte des Hefts, das den Fragen nach Begriffen und Konzepten auf der Basis eines von uns gestarteten Aufrufs Call for Applications künstlerisch nachgeht und zu dem es eine separate Einleitung gibt. 
Wer ist Klangkunst? ist auch der Titel von einer der zwei Podiumsdiskussionen die Positionen zusammen mit Field Notes und dem Monat der zeitgenössischen Musik in September in Berlin veranstaltet. Am 12. September wird die Frage Wer ist Klangkunst? im Errant Sound diskutiert und am 19. im Acud macht neu Was braucht Klangkunst? Mehr dazu finden sie auf www.field-notes.berlin. 
Wir wünschen viel Spaß und Anregung bei der Lektüre und Sichtung des Hefts 120! 

Andreas Engström & Bastian Zimmermann

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